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AbbildungStadttheater Gießen: Johst: Schlageter

AbbildungTitel: Johst: Schhlageter

(Abbildung anklicken zum Vergrößern)

Erste Eingabe: 19.02.2011
Letzte Eingabe: 19.03.2013

1933, 23. Mai

"Schlageter", Schauspiel von Hans Johst im Gießener Stadttheater aufgeführt.
Das Stück des Barden Adolf Hitlers über den "ersten Soldaten des dritten Reiches" (Schlageter) hatte kurz vorher an "Führers" Geburtstag, (20. April) in Berlin Premiere gehabt.

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Radvan, Florian:
Schlageter, der „erste Soldat des
Dritten Reiches“
1923 – aufgrund der Ruhrbesetzung, der
Hyperinflation und der Putschversuche
von rechts und links als Krisenjahr
der Weimarer Republik bezeichnet –
bildet den geschichtlichen Hintergrund
zu Hanns Johsts Schauspiel Schlageter (...)
Als erster Theaterklassiker des Dritten
Reiches nahm es innerhalb der nationalsozialistischen
Propaganda eine Schlüsselfunktion
ein. Nach der Premiere im Staatlichen
Berliner Schauspielhaus, die am
20. April 1933, Hitlers Geburtstag, unter
der Regie von Franz Ulbrich stattfand,
avancierte es zu einem der Paradestücke
der NS-Bewegung. Bis zum Sommer
1933 wurde es weitere 62 Mal inszeniert..
(...)

Heldenkult um Schlageter

Hanns Johsts Schlageter war das erste
abendfüllende Schauspiel, welches die historischen
Ereignisse um den Freikorpskämpfer
aufnahm, der in und mit Liedern,
Ehrentafeln, Mahnmalen und Gedenkstätten
bis dahin schon vielfach
gefeiert und geehrt worden war.12 Es
bereicherte die NS-Mythologie um einen
weiteren Helden und trug somit dazu bei,
„ein heroisches Kontinuum deutscher
Geschichte von Arminius bis Horst
Wessel [zu] erstellen.“13
(:::)
35
Florian Radvan: »Mein Privatleben wäre Fahnenflucht!! Ich bin Soldat!«
Kritische Ausgabe 2/2004
L i t e r a t u r P o r t r a i t F o r s c h u n g R e z e n s i o n e n T h e m a
Florian Radvan: »Mein Privatleben wäre Fahnenflucht!! Ich bin Soldat!«

15
Da der Schlageter-Kult in der Aufbauphase
des NS-Staats eine spezifische
Funktion besaß, fällt dem Jahr der
Machtergreifung rezeptionsgeschichtlich
eine Schlüsselrolle zu: „Schlageters
Identifikationspotential der 1920er Jahre
konnte 1933 gezielt genutzt werden, um
breite Bevölkerungsschichten für das
Regime zu gewinnen.“16 Deutlich ist dies
auch in Johsts Stück zu erkennen: Hier
wird die Figur Schlageter mehrmals als
Vorkämpfer für das Dritte Reich reklamiert
(vgl. etwa 91f., 109, 115) – unter
anderem indem ihre Motivation für den
bewaffneten Kampf in Verbindung gebracht
wird mit der Vision der Volksgemeinschaft,
einem der zentralen Ideologeme
des Nationalsozialismus. Schlageter
erscheint bei Johst als deren erster
Repräsentant. Indem sie die sozialen
Unterschiede negieren und damit auch
ein Gegenbild zur politisch zersplitterten
Weimarer Republik entwerfen wollte,
stellte sich die Volksgemeinschaft in die
Tradition von Schützengrabenkameradschaft
und sogenanntem Fronterlebnis.
Bereits 1933 wurde Johsts Schauspiel
auch in einer Schulbuchausgabe ediert.
Fortan gehörte es zum völkischen Literaturkanon
an höheren Schulen. In der
Zeitschrift für Deutsche Bildung schreibt
Albert Oelsner über die pädagogische
Bedeutung von Schlageter: „Das neue
Deutschland hat das Drama seiner
nationalsozialistischen Revolution. [...]
Am wirksamsten [...] wird man den Geist
des Dramas in die jungen Herzen und
Seelen einpflanzen, wenn man seine
Behandlung ganz aus dem Rahmen des
alltäglichen Unterrichts loslöst und ihr
dadurch eine besondere Hochstimmung
verleiht.“17 Damit werde, so der Rezensent,
die Vorbildfunktion Schlageters und
dessen nationaler Gesinnung für die
Schülerinnen und Schüler besonders
deutlich – eine Gesinnung übrigens, die
für den Autor Johst einen nicht unerheblichen
Marktwert hatte, da das Stück bis
Kriegsende eine Auflagenhöhe von circa
80.000 Exemplaren erreichte."

"Themenwahl und
Figurenkonzeption
Mit der Ruhrbesetzung, aber auch dem in
Schlageter wiederholt angesprochenen
Versailler Vertrag hat Johst sich auf „langwirkende,
traumatische Erfahrungen“18
der deutschen Bevölkerung bezogen.
Durch ihre vielfältige ideologische Inanspruchnahme
während der Weimarer
Republik waren diese Themen 1933 sehr
präsent, aber auch erheblich emotionalisiert
– und das Theaterpublikum somit
prädisponiert. In den im Stück propagierten
nationalen Kampf- und Opferkult
projiziert Johst weitere Versatzstücke der
NS-Ideologie, etwa Antiintellektualismus
oder – besonders in der Figur Alexandra
Thiemann – ein mütterlich-naiv geprägtes
Frauenbild: Unkritisch, zur Selbstunterschätzung
bis Selbstverleugnung neigend,
steht sie ihrem Freund Schlageter
treu und aufopferungsvoll zur Seite: „Ich
bin ein dummes Mädel. Bei mir können
Sie nicht klug werden. Ich wollte mir bei
Ihnen Rat holen...“ (99)"
(...)
Einige Phrasen aus Schlageter wurden im
Dritten Reich zu geflügelten Worten,
etwa „Schlageter war der Erste Soldat
des Dritten Reiches.“ oder „Wenn ich
Kultur höre, ziehe ich meinen Browning!“.
Doch nicht nur als Lieferant von
Schlagwörtern wirkte das Schauspiel geschichtsbildend:
Die im Stück thematisierte
Abschaffung des ‚Weltanschauungssalates‘,
die reduzierte gesellschaftliche
Stellung der Frau und die Negierung
des Versailler Vertrages wurden
nach 1933 ebenso verwirklicht wie die
von den Freikorpskämpfern vorgelebte
Aggressivität im politischen Handeln."

"4 Für biographische Informationen zu Hanns Johst vgl. Düsterberg, a.a.O.
5 Rischbieter, Henning: „‘Schlageter‘ – Der ‚Erste Soldat des Dritten Reichs‘.
Theater in der Nazizeit“. In: Hitlers Künstler. Die Kultur im Dienst des
Nationalsozialismus. Hg. von Heinz Sarkowicz. Frankfurt am Main 2004.
S. 210-244, hier: S. 211.
6 Vgl. Drewniak, Boguslaw: Das Theater im NS-Staat. Szenarium deutscher
Zeitgeschichte 1933-1945. Düsseldorf 1983. S. 183.
...
12 Vgl. Hillesheim, Elisabeth: Die Erschaffung eines Märtyrers. Das Bild
Albert Leo Schlageters in der deutschen Literatur von 1923 bis 1945.
Frankfurt am Main 1994. Vgl. auch Fuhrmeister, Christian: „Ein Märtyrer
auf der Zugspitze? Glühbirnenkreuze, Bildpropaganda und andere
Medialisierungen des Totenkults um Albert Leo Schlageter in der
Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“. In: zeitenblicke,
Nr. 1/2004 [09.06.2004], URL: http://zeitenblicke.historicum.net/
2004/01/ fuhrmeister/index.html [10.11.2004].
13 Mennemeier, Franz Norbert: Modernes Deutsches Drama. Kritiken und
Charakteristiken. Bd. 2: 1933 bis zur Gegenwart. München 1975. S. 106.
14 Fuhrmeister, a.a.O., Abschnitt 4. Vgl. auch Mennemeier, a.a.O., S. 106.
15 Fuhrmeister, a.a.O., Abschnitt 12.
16 Fuhrmeister, a.a.O., Abschnitt 16.
17 Oelsner, Albert: „Johsts ‚Schlageter’ im Deutschunterricht der Oberstufe“.
In: Zeitschrift für deutsche Bildung. Hg. von Wilhelm Poethen
und Karl Vietor. 9. Jg., 1933. S. 641.
18 Schulz, Gerhard (Hg.): Weimarer Republik. Eine Nation im Umbruch.
Freiburg 1987. S. 33."

Florian Radvan: »Mein Privatleben wäre Fahnenflucht!! Ich bin Soldat!«
Kritische Ausgabe 2/2004
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Florian Radvan: »Mein Privatleben wäre Fahnenflucht!! Ich bin Soldat!«



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